#GoetheMoMa

- Was die Welt  im Internet zusammenhält - 


Mit Goethe ins Wasser!

oder: was bedeutet Menschsein?


Episode 2 des digitalen Kooperationsprojekts mit dem Deutschen Museum und dem Zeppelin Museum Friedrichshafen.

Wasser. Wenn wir unserer Fantasie freien Lauf lassen, denken wir ans Meer, an erfrischendes Nass, an plätschernde Brunnen und platschenden Regen. Bei diesem dritten Teil unserer gemeinsamen Fantasiereise mit dem Zeppelin-Museum und dem Deutschen Museum kommen wir auch an diese reizenden Wasser-Orte. Versprochen.

Der Meeresgott Neptun

Aber erstmal reisen wir ganz weit in die Vergangenheit, genauer: bis an den Ursprung der Erdentstehung. Wie ist unsere Erde entstanden? Gab es zuerst ein Feuer, einen Urknall womöglich? Oder war am Anfang überall Wasser?

Da gab es zur Goethezeit eine heftig geführte Debatte in der Wissenschaft über die Erdentstehung. Auf der einen Seite waren die Vertreter der Neptunisten, benannt nach dem römischen Meeresgott Neptun. Für die Neptunisten war es offensichtlich, dass sich alle Gesteine der Erdkruste aus einer wässrigen Lösung herauskristallisiert haben. Demgegenüber standen die Vertreter des Plutonismus (Pluto= römischer Gott der Unterwelt) oder auch Vulkanismus. Danach kann man die Entstehung der Erde auch „als Produkt eines Abkühlungsprozess verstehen, hervorgegangen aus einer Glutkugel.“ (Schmuck: 106). Die Gesteine entstanden also nicht als Ablagerungen (Sedimente) aus dem Wasser, sondern als Erstarrung aus einer feurigen Glut. Vulkanausbrüche, heiße Quellen, Erdbeben – alle diese Phänomene können die Plutonisten damit erklären, dass das Feuer unter der Erde die Vorgänge an der Erdoberfläche bestimmt. 

Johann Wolfgang von Goethe ist als Dichter weltberühmt. Aber er war auch Naturwissenschaftler und befasste sich intensiv mit Geologie und beiden Erklärungsansätzen. Was meint ihr, was sein Standpunkt war? Wartet ein paar Minuten, die Auflösung kommt.

Plätschernder Brunnen: Im Botanischen Garten von Palermo

Unser forschender Dichter möchte immer den Grundlagen des Lebens nachgehen. Er sucht mit dem „Urtier“ den Bauplan aller Tiere, mit dem „Ur-Gestein“ die Gesetzmäßigkeiten aller Steine und mit der „Urpflanze“ den Pflanzen-Prototypen.

Kommt, wir reisen nach Palermo, in die größte Stadt Siziliens! Dort gibt es einen Botanischen Garten direkt am Meer und ja, auch plätschernde Brunnen. Nebenbei sei angemerkt: die Reise nach Sizilien bedeutet für Goethe eine Schiffsfahrt über das Mittelmeer. Davon erzählt er sehr spannend in seinem Reisebericht „Italienische Reise“. 

Goethe im „Walfischbauch“

Goethe ist zunächst guten Mutes und schreibt am 29. März 1787:

„Die ganze Nacht ging das Schiff ruhig fort. Es war in Amerika gebaut, schnellsegelnd, inwendig mit artigen Kämmerchen und einzelnen Lagerstätten eingerichtet. Die Gesellschaft anständig munter: Operisten und Tänzer, nach Palermo verschrieben.“

„Eine Gesellschaft von Delphinen begleitete das Schiff an beiden Seiten des Vorderteils und schossen immer voraus. Es war lustig anzusehen, wie sie bald, von den klaren durchscheinenden Wellen überdeckt, hinschwammen, bald mit ihren Rückenstacheln und Floßfedern, grün- und goldspielenden Seiten sich über dem Wasser springend bewegten.“ (Italienische Reise, 30. März/ 1. April 1787)


Nun also im Botanischen Garten von Palermo. Dort sieht Goethe seine Überlegungen zur Urpflanze am Beispiel eines blühenden Orangenbaums bestätigt. Er kommt dem „Geheimnis der Pflanzenerzeugung und Organisation“ auf die Spur, getreu seiner Überzeugung, „daß die Natur kein Geheimnis habe, was sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor die Augen stellt.“ (Tag- und Jahreshefte, 1790)

Der Forscher Goethe notiert: „Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu, kann man alsdann noch Pflanzen in’s Unendliche erfinden […].“ (Italienische Reise, 17. Mai 1787)

Goethe, ein Zauberlehrling, der die Gestalt- oder Ideengesetze der Pflanzen und Tiere zu erkennen versucht, um dann mit diesem „Schlüssel“ weitere Modelle zu erschaffen? Mit einem „Ja“ oder „Nein“ kann ich diese Frage nicht beantworten. Aber mit einem weiteren Zitat, einem bekannten aus dem „Faust“. Faust wünscht sich, zu erkennen, was „die Welt im Innersten zusammenhält.“ Goethe ist auf jedenfall kein Vertreter einer Frühform der Synthetischen Biologie, die biologische Systeme nachbauen und verändern will. Aber interessant ist Goethes Suche nach einem „Schlüssel“ für weitere Erfindungen allemal. Besonders wenn es in folgendem Kapitel um den Homunculus geht.

In den Felsbuchten des Ägäischen Meers

Die Fantasiereise wird nun fiktional. Wir reisen mit Goethe in die Zeit der griechischen Antike. Die „Felsbuchten des Ägäischen Meers“: das ist eine Szene aus dem zweiten Teil von Goethes Tragödie „Faust“. Zwischen diesen Felsbuchten tauchen allerhand fantastische Wasserwesen auf: wieder ein Meeresgott, diesmal Nereus, dann Nereiden und Doriden, dämonenhafte nixengleiche Wasserwesen, und Tritonen, fischähnliche Wesen, auf denen die Nereiden reiten können. (Alles häufig genutzte Namen für Brunnen). 


  • Homunculus_II Kopie
  • Homunculus_Galatea

Den Naturphilosophen und Geometer Thales von Milet dürfen wir neben dem ganzen Wasser-Personal nicht vergessen. Thales ist in die Philosophiegeschichte eingegangen, weil er laut Aristoteles das Wasser als den Urgrund aller Dinge bezeichnet haben soll (Aristoteles, Metaphysica). 

Kommen wir zu jemandem, der ebenfalls den Ursprung des Lebendigen sucht, kommen wir zum Homunculus. Homunculus ist ebenfalls eine Figur aus dem „Faust“, vom Namen her ein „Menschlein“, eben noch kein ganzer Mensch. Fausts ehemaliger Universitätsassistent Wagner arbeitet zu Beginn des zweiten Aktes in „Faust II“ an der künstlichen Herstellung eines Menschen. Wagner erklärt die natürliche Zeugung für „eitel Possen“ (V. 6839):

Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,       
Die holde Kraft, die aus dem Innern drang
Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,
Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,
Die ist von ihrer Würde nun entsetzt;
Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,
So muß der Mensch mit seinen großen Gaben
Doch künftig reinern, höhern Ursprung haben.  (Faust II, V. 6840ff.)

Der höhere Ursprung der Zeugung darf aus Wagners Sicht nichts mehr mit dem Tier gemeinsam haben. Die „holde Kraft“ als eigenständig wirkende Naturkraft will Wagner ablösen durch menschengeschaffene, geplante Erzeugung. 

 

(...) Nun läßt sich wirklich hoffen,
Daß, wenn wir aus viel hundert Stoffen
Durch Mischung – denn auf die Mischung kommt es an – 
Den Menschenstoff gemächlich komponieren,
In einen Kolben verlutieren
Und ihn gehörig kohobieren,
So ist das Werk im Stillen abgetan.  (Faust II, V. 6848ff.)

Wagner erkennt nicht, dass er sich selbst widerspricht. Einerseits ist es sein Wunsch, dem Menschen die Würde seiner Erzeugung wiederzugeben, andererseits erniedrigt er alles Menschliche zu „Menschenstoff“ und „Masse“ (V. 6844). Der natürliche Zeugungsvorgang wird zu einem im chemischen Labor geplanten „Kristallisationsvorgang“:

Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
Das wagen wir verständig zu probieren,
Und was sie sonst organisieren ließ,
Das lassen wir kristallisieren.  (Faust II, V. 6857ff.)

Homunculus entsteht als ein geistiges oder gedachtes Wesen in der Phiole. Er weiß, dass er, um ein ganzer Mensch, ein Homo, zu sein, einen Körper braucht, das „Tüpfelchen auf dem i“ (V. 6994), wie es Homunculus selbst ausdrückt. 

Endlich kommt Homunculus ans Meer. Könnte ihm hier jemand helfen zu entstehen? In den „Felsbuchten des Ägäischen Meers“ begegnet Homunculus einem weiteren Meeresgott, Proteus, dem „Wundermann“, der weiß, „wie man entstehn und sich verwandeln kann.“ (V. 8152f.) Proteus bemerkt die übereilte Entstehung des Homunculus: „Eh’ du sein solltest bist du schon!“ (V. 8254) Proteus weiß aber Rat, wie Homunculus zu einem ganzen Menschen heranreifen kann: „Im weiten Meere mußt du anbeginnen!“ (V. 8260), das heißt, „von vorn die Schöpfung anzufangen!“ (Thales zu H., V. 8322) 

Platschender Regen

In der Dramaturgie eines Films bedeutet Platzregen immer einen Tiefpunkt in der Handlung. Homunculus hatte so sehr gehofft, schnell entstehen zu können. Doch er muss im Meer anfangen, vom Urbeginn an. In den Worten des Thales und des Proteus drückt Goethe seine Überzeugung der Metamorphose aus. Es geht darum, dass Homunculus nach und nach heranwächst (vgl. V. 8263), sich nach „ewigen Normen“ durch „tausend, abertausend Formen“ (V. 8324f.) langsam entwickelt, denn: „Und bis zum Menschen hast du Zeit.“ (V. 8326), so Thales zum ungeduldigen Homunculus. 

Regen bedeutet auch Klärung. Klären wir also ein paar Fragen, vor allem die oben gestellte. Ja, Goethe war überzeugter Anhänger des Neptunismus. Wichtig war ihm eine allmähliche Entwicklung, die nicht revolutionär, sondern evolutionär ist.

In der Figur des Homunculus zeigt sich, dass die Selbstüberhebung des Menschen über die Natur scheitert. Der künstlich produzierte Homunculus bleibt ein Halbmensch, ein geistiges Wesen, dem zum vollen Leben der physische Körper fehlt. Anders als es sich Wagner wünscht, lässt sich der natürliche, lebendige Organismus nicht durch menschengemachte Kristallisations-Versuche ersetzen. Indem Wagner sich über die Naturgesetze hinwegsetzen will, versucht er zugleich, die zur Menschwerdung benötigte Dauer zu übergehen. (Kaiser: 37).

Wie Goethe in seinem Aufsatz „Der Versuch als Vermittler von Subjekt und Objekt“ (1792) darlegt, ist es nötig, dass man sich „vor jeder Übereilung hüten“ müsse, wenn man „die Kräfte der Natur zu erkennen sich bestrebt.“ Vor dieser Übereilung, der Nichtachtung der Natur, wird Homunculus nicht bewahrt. Diese visionäre Gestalt muss zunächst ein künstliches Wesen bleiben und sich nach und nach in die ewigen Naturgesetze einfügen.

Homunculus und künstliche Menschen

Im Wasser fängt also alles an. Woher wusste aber Goethe von der „Homunculus“-Idee? Der entscheidende Einfluss auf die Goethesche Homunculus-Figur geht von Paracelsus aus, einem der berühmtesten Ärzte und Naturphilosophen im Europa des 16. Jahrhunderts. In „De natura rerum“ (1573) berichtete Paracelsus über Versuche, künstliche Menschen in künstlichen Uteri zu erzeugen. Den jungen Goethe faszinierten Berichte solcher Art. Alchemie, Zauberkunst und geheime Zeichen entdeckte Goethe in diesen mittelalterlichen Quellen und verarbeitete sie in seinen literarischen Werken. 

  • Struck_Paul_Klassische_Walpurgisnacht_Labor
  • Struck_Paul_Klassische_Walpurgisnacht_Triptychon_geschlossen_GMD Kopie

Zu diesem alchemistischen Wissen kamen aber die Diskurse der zeitgenössischen Wissenschaft hinzu. Und dazu gehört derjenige um den deutschen Chemiker Friedrich Wöhler (1800-1882).

Angeblich ist Wöhler deswegen in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen, weil ihm die Harnstoffsynthese gelang. Zum erstenmal überhaupt soll es einem Forscher gelungen sein, einen eigentlich natürlichen Stoff oder Stoffwechselprodukt synthetisch zu reproduzieren. Organische Stoffe aus „unbelebter“ Materie herstellen – diese Entdeckung faszinierte nicht nur den Forscher Goethe. Die Harnstoffsynthese war für die „Entwicklung der Chemie und Biochemie von größter Bedeutung, schien doch hier erstmals die vitalistische Idee einer schöpferischen Lebenskraft durch die künstliche Erzeugung von Stoffen lebendiger Organismen aus ‚unbelebter‘ Materie widerlegt zu sein.“ (Albrecht, Willand: 536). Doch schon Jahre zuvor hatte Wöhler selbst Oxalsäure hergestellt und auch der Goethe-Freund und Chemiker Wolfgang Döbereiner war überzeugt, dass in der organischen Natur immer das Gesetz der chemischen Bindung wirkt. Zum Abschluss also noch ein Stück „Fantasiereise“ in wissenschaftlichen Mythen. 

Und heute? 

Dazu ein Zitat:

„Goethes konzeptionelle Öffnung der Homunculus-Gestalt macht sie als ideengeschichtliches Kollektivsymbol derart anschlussfähig, dass sie von der Alchemie aus- und über Darwin hinausgehend auch von den Naturwissenschaften des 20. und 21. Jahrhunderts sowie der Reproduktionsmedizin und Genetik, KI-Forschung, Biomechanik u.v.m. aufgerufen und metaphorisiert werden kann.“ (Albrecht, Willand: 536).

Der Homunculus als künstlich erschaffenes Wesen im Faust II steht somit stellvertretend für Fragen der Lebens-/Körperoptimierung im heutigen Zeitalter der Synthetischen Biologie.


Zu den weiteren Fantasiereisen der Episode "Wasser" gehts hier entlang:

Was bedeutet "Walfang"? 

"Taken from a Bull Walrus": Objektgeschichten zum arktischen Walfang im 18. und 19. Jahrhundert. Digital Story von Mareike Wöhler, Deutsches Museum.


Was bedeutet Landbesitz auf See? 

Digital Story von Charlotte Ickler und Yannik Scheurer, Zeppelin Museum Friedrichshafen.

Literatur

  • Albrecht, Andrea/ Willand, Marcus: Art. „Homunculus“. In: Rohde, Carsten/ Valk, Thorsten/ Mayer, Mathias (Hrsg.): Faust-Handbuch. Konstellationen, Diskurse, Medien. Stuttgart 2018.
  • Kaiser, Gerhard: Ist der Mensch zu retten? Vision und Kritik der Moderne in Goethes „Faust“. Freiburg 1994. 
  • Schmuck, Thomas: Die umstrittene Herrschaft des Feuers: Vulkane und Interpreten. In: Kneber, Kristin/ Maul, Gisela/ Schmuck, Thomas (Hrsg.): Abenteuer der Vernunft. Goethe und die Naturwissenschaften um 1800. Ausstellungskatalog. Dresden 2019. 


Abbildungen

Abb. 1, Homunculus und Galatea im Muschelwagen, unbekannter Künstler, Goethe-Museum Düsseldorf

Abb. 2, Paul Struck, Klassische Walpurgisnacht, Goethe-Museum Düsseldorf

 


Goethisch blau - ein Ausflug.

Beitrag zur Blogparade #MeinBlauerReiter von Michael Stacheder. März 2021.

Himmelblau.

Der blaue Himmel, der blaue Ozean, der blaue Planet: immer ist das Blau mit einer Empfindung von Weite und Ferne verbunden. Unser Blick geht in den Himmel und wir schauen in unendliche Höhen, unser Blick geht auf das Meer und wir blicken in scheinbar unendliche Tiefen

Ferienblau.

Wir sind am Meer und schauen aufs unendlich blaue Wasser und in einen azurblauen Himmel. Die weißen Wölkchen machen ihn nur umso blauer. Das königsblaue Strandtuch wird zu einem royalen Umhang, wie ihn schon das französische Adelsgeschlecht der Capetinger trug. 

Wunderblau.

Wir fahren ins „Blaue hinein“ und wissen nicht, ob uns ein fröhlicher Sommerurlaub erwartet oder ob die Versprechungen im Reisekatalog sich als halbe Hotel-Baustelle entzaubern. Bei letzterem würden wir unser „blaues Wunder erleben“. Die Schattenseiten des Blau.

Goethisch blau.

 

Das Blaue führt „immer etwas Dunkles mit sich“ (Zur Farbenlehre, §778) und ist die Farbe, die dem Schwarzen oder Dunklen am nächsten ist. Blau, Rotblau und Blaurot gehören für den Naturwissenschaftler Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) zu den Farben der „Minusseite“: „Sie stimmen zu einer unruhigen, weichen und sehnenden Empfindung.“ (§777). 

Die „Farbenlehre“ ist das umfangreichste aller Werke des forschenden Dichters. Mich fasziniert es mehr als viele seiner Dichtungen. Warum? Weil ich es noch lange nicht ausgelesen habe, weil es eine ganze Geschichte zu den Farben liefert und vor allem: weil Goethe doch recht hatte. Dazu muss ich eine kleine Erzählung zum berühmten „Farbenstreit“ zwischen Goethe und Isaac Newton (1642-1726) aufschreiben. 

Experiment-Blau.

Das Goethe-Farbenspektrum ist ergänzend zu demjenigen von Isaac Newton zu sehen. Der weltberühmte englische Gelehrte Newton kam zu seinen Ergebnissen in einem abgedunkelten Raum. Durch einen schmalen Fensterschlitz fing er durch ein Prisma den hereinbrechenden Lichtstrahl auf einem weißen Schirm auf. Dort waren die prismatischen Farben zu sehen (Experimentum crucis). Goethe dagegen war in einem tageslichthellen Raum, nahm das Prisma zur Hand und sah prismatische Farben am Übergang von dunklen und hellen Flächen. Der Versuch Goethes wurde nachgestellt und die Richtigkeit von Goethes Beobachtungen konnte bestätigt werden (siehe die Forschungen von Johannes Grebe-Ellis, 2017f., und Olaf Müller, 2015). 

Cyanblau.

Das ist die Lösung. Die Lösung der Frage, welches Farbspektrum das „richtige“ sei. Also: Cyan ist zusammen mit Gelb und Magenta die Grundfarbe in der Druckindustrie. Das sind Pigmentfarben und von den Lichtfarben zu unterscheiden. (Diese werden für Monitore und Bildschirme verwendet.) Zusammen sind Blau, Gelb und Purpur (Magenta) die Grundfarben des Goethe-Farbenspektrums. Jedesmal, wenn man eine Druckerpatrone wechselt und „C-M-Y (Cyan-Magenta-Yellow und Schwarz als Kontrastfarbe für den Offset-Druck)“ liest, hat man die Grundfarben von Goethes Farbenlehre vor sich. In der Kunst gelten die Grundfarben des Newton-Spektrums: also Gelb, Rot, Blau. Beide Spektren zusammen ergeben das vollständige Farbenspektrum.

Ausflugsblau.

Der Ausflug ist mir wichtig, weil er mit Goethes Art zu forschen zusammenhängt. Alle Gelehrten, die nur in der Stube hocken und die Phänomene in freier Natur nicht kennen, waren ihm zuwider. In den „Zahmen Xenien“ schreibt Goethe: „Freunde, flieht die dunkle Kammer,/ Wo man euch das Licht verzwickt,/ Und mit kümmerlichstem Jammer/ Sich verschrobnen Bildern bückt.“

Ins Blaue Land.

Ein Ausflug ins „Blaue Land“ zum „Blauen Reiter“. Blau war die Lieblingsfarbe von Wassily Kandinsky (1866-1944) und Franz Marc (1880-1916). Beide sind die Begründer der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“. Bevor ich mich weiter ins Wasser damit wage, verweise ich auf die Beiträge von Michael Stacheder auf seinem „Theaterwelten“-Blog. Nur noch so viel: für Kandinsky war Blau die Farbe des Himmels. Er schrieb: 

„Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem.“

Sowohl Kandinsky als auch Marc befassten sich mit Goethes Farbenlehre. Alexandra Loske schreibt darüber in „Die Geschichte der Farben“: „Kandinskys Theorie der Farbordnung weist eine Reihe von Ähnlichkeiten mit Goethes Ansatz auf, wie etwa den Begriff der Polarität von Blau und Gelb als Ausdruck von Dunkelheit und Licht beziehungsweise Kälte und Wärme.“

Angabe von Quellen, damit ich Euch nicht „das Blaue vom Himmel hinunter lüge“.

-       Margarete Bruns: Das Rätsel Farbe. Materie und Mythos. Reclam 2012.

-       Otto Krätz: Goethe und die Naturwissenschaften. Callwey 1998.

-       Alexandra Loske. Die Geschichte der Farben. Prestel 2019.

-       www.farbenstreit.de : Website von Olaf L. Müller.

-       www.experimentum-lucis.de: Website zum 200-jährigen Jubiläum von Goethes Farbenlehre.

Abbildungen: Wikimedia Commons, public domain, und eigene Fotos. 

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